© Johannes Richter

Sonnenberg vs. Heckert

Von der Magie des zweiten Blickes

© Johannes Richter
Charme der Chemnitzer Ostmoderne im Heckert

Man muss sie mögen, die Beiden. Stadtteile. Und Katja Manz und Norbert Engst. Es ist die unaufgeregte Begeisterung, mit der die beiden Stadtteil-Enthusiasten von ihrer jeweiligen Chemnitzer Herzens-Hood erzählen, die ansteckt, mitreißt und mitreisen lässt durch Vergangenes und Gegenwärtiges auf dem Sonnenberg und im sogenannten Heckert-Gebiet. Wobei letzteres eigentlich fünf Stadtteile groß und in seinen Hochzeiten über 90.000 Bewohnern fast eine eigene Stadt gewesen ist.


Während eines kalten Januartages treffen wir uns an der Markuskirche, diesem merkwürdig zwischen typischer Altbau-Architektur und sozialistischer Lückenbebauung raumgreifenden Wahrzeichen des Sonnenberges. Und schon ab diesem Moment ist er da, der Gedanke an den oft beschriebenen magischen zweiten Blick. Und noch etwas schwingt in jeder Zeile mit: Katja Manz und Norbert Engst sind, ganz im Sinne des Titels Europäische Kulturhauptstadt, den Chemnitz im Jahr 2025 tragen wird, Macherin und Macher.

Chemnitz ist eine Stadt mit 39 Stadtteilen. Viele davon sind sehr unterschiedlich geprägt und haben oft eigene Stadtteilzentren ausgeprägt. Auch der Sonnenberg und das Heckert-Gebiet. Was verbindet denn beide Stadtteile?

Katja:Ich denke, die beiden Stadtteile werden leider immer noch ein bisschen stiefmütterlich wahrgenommen, auch innerhalb von Chemnitz. Na und sie sind beide eine Reise wert.

Warum?

Katja: Man kann Vieles entdecken, vom alteingesessenen Familienbetrieb bis zum arabischen Imbiss, der Sonnenberg ist ein sehr vielfältiger Stadtteil und architektonisch ist er auch interessant. Zudem finde ich, man sollte sich immer ein eigenes Bild von Orten machen und nicht die Bilder, die sich schon seit Jahren in den Köpfen festgesetzt haben, reproduzieren.

Was kann man denn konkret auf dem Sonnenberg entdecken? Was muss der berühmte zweite Blick sehen?

Katja:Der Sonnenberg ist erst einmal von der Bevölkerung her sehr vielfältig. Er ist ein junger Stadtteil, sehr lebendig, im Aufbruch und ich denke, dass ist das, was immer irgendwie Reibungen, Spannungen und Neues erzeugt. Zudem gibt es diese Kleinteiligkeit. Also es gibt kleine Läden, es gibt Imbisse, es gibt viel Kunst und Kultur, die immer mehr zum Blühen kommt. Es gibt schöne Hinterhöfe, es gibt urbane Gärten und es gibt vor allem unheimlich viele Menschen, die ihre Ideen umsetzen. Das ist eigentlich das Spannende für mich am Sonnenberg. Seit über 11 Jahren wohne ich auf dem Sonnenberg und kann sagen, dass er sich sehr positiv entwickelt hat.

© Johannes Richter
Ostmoderne Kunst im öffentlichen Raum - Heckertgebiet Chemnitz

Jetzt ist der Sonnenberg geprägt von Altbau im Stile vergangener Epochen. Das Heckert-Gebiet ist in den 70er und 80er Jahren mit sogenannten Neubauten aus der grünen Wiese gestampft worden. Norbert, warum kann man die beiden auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Stadtteile trotzdem miteinander vergleichen?

Norbert:Da ist zunächst die Geschichte. Es sind beides Arbeiterstadtteile gewesen, die jeweils gebaut wurden, um die Wohnungsnot, auch von Arbeitern, zu beheben. Der Sonnenberg entstand, um die Wohnungsnot um 1900 zu lindern. Da gab es verschiedene Ansätze über die Jahrzehnte hinweg. Das Heckert-Gebiet ist letzten Endes entstanden, um auf den Wohnungsmangel der 60er und 70er Jahre zu reagieren.

 

Nach der friedlichen Revolution 1989 und in den 90er Jahren hat über die Hälfte der Bewohner das Heckert-Gebiet verlassen. Du bist nach wie vor hier anzutreffen und hast sogar Bücher über dieses Stadtgebiet geschrieben. Was reizt dich denn am Heckert-Gebiet?

Norbert:Es ist ein riesiger Spielplatz. Man kann extrem viel machen. Es gibt wenig andere, die sich dafür interessieren. Sei es für die Geschichte, noch für den heutigen Zustand. Man kann selbstständig ganz viel entdecken und das auch interessierten Leuten zeigen.

Was wäre das zum Beispiel?

Norbert:Ganz interessant ist vielleicht erstmal, wie man hier mit den Höhen umgegangen ist. Man hat fantastische Ausblicke über die ganze Stadt bis ins Erzgebirge hinein. Wir haben übrig gebliebene Straßenreste, in denen früher Häuser standen, die dann in den 90ern und Anfang der 2000er abgerissen wurden. Da sind jetzt einfach so Straßen ins Nichts. Wir haben die Morgenleite mit einem großen Waldgebiet. Mitten im Neubaugebiet. Auch dort sollte Wohnungsbau beginnen und man sieht auch Ansätze davon - aber es kam nie dazu. Genauso am anderen Ende des Gebietes in Hutholz-Süd. Da sieht man heute, wo die Wende begann. Man sieht, wie es hätte weitergehen sollen mit dem Wohnungsneubau. Aber es kam dann nicht dazu. Das ist wie eingefroren und das kann man heute sehen.

© Johannes Richter
Hühner inmitten der City - Chemnitz Sonnenberg

Gibt es eine besondere Kultur im Heckert-Gebiet? Zum Beispiel eine Wohnkultur oder eine besondere Lebenskultur?

Norbert:Sie entwickelt sich, möchte ich mal sagen. Das Heckert-Gebiet hat in den 90ern und Anfang der 2000er schwere Zeiten hinter sich. Schon medial wurde hier viel zerredet. So im abwertenden Sinne eines ostdeutschen Plattenbau-Gebietes. Das hat natürlich auch Spuren hinterlassen bei den Leuten. Ich beobachte aber seit drei bis vier Jahren einen gewissen Wandel. Es gibt wieder Leute, die sagen, dass sie stolz sind, hier zu wohnen. Die das bewusst auch woanders so vertreten. Das wäre in den 90ern oder in den 2000ern so nicht möglich gewesen. Da hätte man bestenfalls gesagt, man wohne in Markersdorf oder in Hutholz, aber man hätte nicht zugegeben, dass man im Fritz-Heckert-Gebiet wohnt.

Katja, warum braucht Chemnitz als Stadt den Sonnenberg?

Katja:Also ich denke, der Sonnenberg ist momentan noch ein Experimentierfeld in der Stadt. Er ist dieses Symbol des Unfertigen und der Kontraste, der Gegensätze. Er hat zwar eine Altbausubstanz, aber es ist auch viel abgerissen worden. Also es gab diese Baulücken, die heute irgendwie anders genutzt werden. Wir haben es vorhin gesehen: Plötzlich gibt es da Hühner! Es gibt also diese Freiräume für Möglichkeiten, die es vielleicht in anderen Stadtteilen so nicht mehr gibt. Dadurch hat sich auch die Wahrnehmung geändert. Der Sonnenberg wird nicht mehr so negativ betrachtet. Gerade von Jüngeren wird dieses Potenzial auch genutzt und sie ziehen dann auch nach und nach auf den Sonnenberg.

See the Unseen. Was bedeutet das mit Blick auf den Sonnenberg für dich?

Katja: Man sagt ja immer, dass Chemnitz erst auf den zweiten Blick schön ist. Mir ging das auch so. Ich weiß noch, als ich damals angekommen bin in der Stadt, da saß ich am Nischel und dachte nur: ´Schön ist es nicht, aber spannend.´ Also es ist genau das Versteckte, die versteckten Winkel, die kleinen Dinge, das in die Hinterhöfe schauen und dabei Neues entdecken.Der Sonnenberg ist auf jeden Fall noch ein bisschen so. Und entwickelt sich aber gerade zum Schwan. Also es ist auf einem, finde ich sehr guten Weg dahin und lohnt sich, entdeckt zu werden.

Das Heckert-Gebiet ist in seiner Größe und Ausdehnung in Chemnitz sehr präsent. Anders als der Sonnenberg, der eingegliedert ist in das Stadtbild. Was ist denn das Ungesehene am oder im Heckert-Gebiet?

Norbert:  Es ist genauso wie auf dem Sonnenberg. Auf den ersten Blick ist es objektiv betrachtet ein ostdeutsches Neubaugebiet. Aber es gibt eben interessante Perlen dazwischen. Kunst aus DDR-Zeiten zum Beispiel.

Du meinst in der Albert-Köhler-Straße?

Norbert:Ja, genau, auf dem sogenannten Honecker-Boulevard. Aber auch auf dem Ikarus-Boulevard im heutigen Stadtteil Kappel, früher Baugebiet II. Dort gibt es zum Beispiel die Sachsenhalle mit dem interessanten Teich davor. Gerade im Sommer für Kinder wunderbar gemacht. Man hat versucht, in den einzelnen Stadtteilen Boulevards oder Fußgängerzonen zu entwickeln. Das ist im Sommer herrlich. Und dann überhaupt: der Kontrast. Es sind zwei Dörfer eingebaut worden. Helbersdorf und Markersdorf sind komplett umbaut von Plattenbauten. Und wenn man nun aber in Markersdorf unterwegs ist, auf der Meinersdorfer Straße zum Beispiel, sieht man nichts davon. Man glaubt, man ist irgendwo im Erzgebirge. Dann läuft man ein bisschen raus auf die Höhen und schon ist man wieder voll mittendrin. Dieser Kontrast ist unglaublich. Dann sieht man natürlich auch immer noch die Lücken, die der Stadtumbau in den 2000er Jahren gerissen hat. Für mich ist auch die  ehemals sogenannte Stadtmauer an der Stollberger Straße hochinteressant. Einst war dies fast der längste Wohnblock, jedenfalls in Chemnitz und auch länger als die berühmte Lange Lene in Leipzig.Da ist jetzt nur noch ein Fragment da. Fünf, sechs Eingänge von ehemals 17 Eingängen.

© Johannes Richter

Chemnitz wird 2025 Kulturhauptstadt sein. Katja, was ist dein Kulturbegriff und was ist dein Kulturbegriff für Chemnitz?

Katja: Als Kulturgeografin habe ich sicherlich einen sogenannten erweiterten Kulturbegriff.Natürlich ist die Kulturhauptstadt eine Chance für Chemnitz. Dennoch darf man hierbei auf keine Fall Kultur, Kulturbegriff und Kulturhauptstadt vermengen oder verwechseln. Dennoch ist in der Chemnitzer Bewerbung eine Menge Kultur drin. Dabei ist es wichtig, wirklich alle mitzunehmen, vor allem die Chemnitzerinnen und Chemnitzer. Das wäre dann auch mein favorisierter Kulturbegriff. Kultur das ist die ganze Stadt per se, nicht nur das sogenannte kulturelle Programm.Es wäre nicht sinnvoll der Stadt ein großes Highlight Projekt aufzusetzen, sondern es ist wirklich wichtig die Bevölkerung mitzunehmen und mit den Menschen hier zusammen zu arbeiten. Mit den Macherinnen und Macher dieser Stadt, mit den kleinen und den großen. Und das ist genau die Kultur, die ich auch sehe und die mir an Chemnitz so gut gefällt. Man quatscht nicht, man macht. Dieses Bodenständige ist eben auch eine Kultur. Vielleicht kommt es von der Ingenieursmentalität in der Stadt. Da gibt es auch Parallelen zwischen Stuttgart und Chemnitz. Mit der Zeit habe ich festgestellt, an einem Ort gelandet zu sein, der mir gut gefällt und im Positiven vertraut ist. Dazu zählt auch die Nähe zur Natur, denn die Kombination aus Stadt und Natur bietet eine hohe Lebensqualität. Und ich wünsche mir für Chemnitz dass diese Mischung aus Freiräumen, bezahlbarem Wohnraum und kleinteiligem, vielfältigem Angebot erhalten bleibt, denn das macht die Stadt besonders. 

 

Norbert, du bist ein gebürtiger Karl-Marx-Städter, heute Chemnitzer und arbeitest in der Schweiz. Was ist dein Kulturbegriff und was ist für dich ein typischer Chemnitzer Kulturbegriff?

Norbert:Also zunächst fürs Heckert-Gebiet: Das Spannende ist, dass man hier einen ganz anderen Kulturbegriff entwickeln kann, als er traditionell immer so in der Stadt wahrgenommen wurde. So mit Opernhaus und Schauspielhaus und anderen Theatern oder den Museen. Ja, das ist auch Kultur. Aber auch hier draußen, am Rande der Stadt, haben wir Kultur. Wir haben hier riesige Elfgeschosser, die haben Stirnseiten, das sind riesige Leinwände, die könnte man wunderbar bespielen. Die größten Leinwände der Stadt haben wir damit. Dann diese WBS 70 Architektur, die ist trotz Modernisierung überall noch sichtbar. Das ist auch Kultur. Und da ist vor allem die Kultur der hier Lebenden. Da haben verschiedene Ansätze nach der Wende nicht funktioniert, die hier mal geplant waren. Damit zu spielen und das zu entwickeln und auch mal einen Gegenpol zur Innenstadt aufzuzeigen, das ist hochinteressant. Zum Beispiel auf dem Honecker-Boulevard runter einfach mal die Geschichte zu zeigen, was dort stattgefunden hat. Ein Bewusstsein und ein ganz neues Selbst-Bewusstsein für die Stadt zu schaffen, in dem man sich lösen kann von Blicken nach anderen Städten.

Habt ihr Lust bekommen auf eine Tour durch die Stadt?

Hier gehts zu unserem Tourenvorschlag, mit dem ihr auf den Spuren der Ostmoderne unterwegs sein könnt.

Sie benutzen offenbar den Internet Explorer von Microsoft als Webbrowser, um sich unsere Internetseite anzusehen.

Aus Gründen der Funktionalität und Sicherheit empfehlen wir dringend, einen aktuellen Webbrowser wie Firefox, Chrome, Safari, Opera oder Edge zu nutzen. Der Internet Explorer zeigt nicht alle Inhalte unserer Internetseite korrekt an und bietet nicht alle ihre Funktionen.